Predigt zum 157. Jahresfest unserer Kommunität: Psalm 1
 

27. September 2009, Pfr. Hans-Rudolf Bachmann

 
Liebe Schwestern
Liebe Festgemeinde

Das Erste, was mich beim Betreten des Areals des Diakonissenhauses fasziniert hat, war nicht die dort lebende und wirkende Kommunität. Nein, es war ein alter Baum. Und jedesmal neu, wenn ich wiederkomme, begeistert mich die wunderschön gewachsene Stileiche im Park. Sie ist nicht ganz unschuldig, dass ich für heute das Bildwort aus Psalm 1 gewählt habe: (Da wir das Jahresfest der Schwesternschaft feiern, erlaube ich mir den Text als Seligpreisung einer Frau zu lesen.)

Wohl der Frau . . .
die Lust hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.
Sie ist wie ein Baum,
gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit
und dessen Blätter nicht verwelken.
Alles, was sie tut, wird ihr gut gelingen.


Für mich hat dieses Psalmwort viel zu eurem Jahresfestthema zu sagen, besonders zum aktuellen, mittleren Teil: "Im Heute Veränderung wagen".
"Im Heute Veränderung wagen" - dahinter verbirgt sich eine vielschichtige Herausforderung! Zunächst fragen wir uns wohl: Muss denn Veränderung überhaupt gewagt werden? Ist es nicht vielmehr so, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als uns zu verändern, uns so gut wie möglich den uns zugemuteten Veränderungen zu stellen?

Im persönlichen Leben ist das so, dann wenn sich unsere Lebensumstände nicht mehr so einfach kontrollieren lassen. Ich denke da z.B. an unseren Sohn und seine Frau, die uns in den Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes, nach einer langen Reihe von gestörten Nächten, erklärten: "Es isch nüüt me wie vorane!"
· Im Berufsalltag ist das so, wo Flexibilität in hohem Masse gefordert ist und Umstrukturierungen oft knallhart durchgesetzt werden.
· Und auch christliche Werke und Kommunitäten werden nicht einfach in Ruhe gelassen, damit sie ihre Visionen ungestört entfalten können. Das muss ich ja hier nicht weiter erläutern . . .
· Ja, Veränderung ist als permanente Herausforderung einfach da. Sie wird geschehen, ob wir sie wagen oder nicht. Und auch wer sich der Veränderung verweigert, verändert sich - in Richtung Erstarrung.
Wir haben uns zu fragen:
· Wie werden wir Christen zu Menschen, die den ständigen Veränderungen gewachsen sind?
· Wie können wir uns ihnen stellen, ohne darin Schiffbruch zu erleiden, ohne Ausverkauf unserer innersten Überzeugungen?
· Ja, wie können wir sogar zu Menschen werden, die nicht bloss auf Veränderung reagieren, sondern die selbst schöpferisch etwas Neues setzen, das in einer sich ständig verändernden Welt zum Zeichen für Gottes ewiges Reich wird?

Im Ringen an solchen Fragen - auch im eigenen Leben - ist mir der erste Psalm zu einem treuen Begleiter geworden. Immer wieder hält mir der ans Wasser gepflanzte Baum seine stille Predigt. Und die hat sich im Verlauf der Jahre mehrfach geändert. Lassen Sie mich davon erzählen:

Blätter und Früchte

Wohl der Frau . . .
die Lust hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.
Sie ist wie ein Baum,
gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit
und dessen Blätter nicht verwelken.
Alles, was sie tut, wird ihr gut gelingen.


Lange Zeit freute ich mich an der Verheissung der Fruchtbarkeit, die unabhängig ist von äusseren Umständen. Und dass es da ausdrücklich heisst: Seine Blätter, seine Frucht und seine Zeit. Es ist ja wirklich entlastend, dass auch an meinem Baum nichts anderes zu erwarten ist, als meine Blätter, meine Frucht und das erst noch zu meiner Zeit!
Gewisse Veränderungen sind schon möglich. Durch gute Pflege - manchmal auch durch Zurückschneiden - kann die Qualität der Früchte verbessert werden. Man kann einen Baum sogar veredeln, kann ihm Schosse aufpfropfen. Aber der Saft, der auch diese Schosse wachsen lässt, ist immer der Saft des einen Baumes.
In allen Veränderungen ist uns da eine zeitweise schmerzvoll erlebte und doch zutiefst heilsame Grenze gesetzt: Wir können nur uns selbst, unserer innersten Berufung treu bleiben. Auch wenn Trauben gesucht werden - als Apfelbaum werde ich immer Äpfel tragen. Vor seinem Ende sprach Rabbi Meschullam Sussja von Hanipol: "In der kommenden Welt wird man nicht fragen: ‹Warum bist du nicht Mose gewesen?› Man wird mich fragen: ‹Warum bist du nicht Sussja gewesen?› "

Der Baum

Diese kleine Rabbigeschichte führt schon weiter zu einer nächsten Beobachtung: Die Blätter und Früchte sind wichtig für einen Baum. Jedes Jahr neu beginnt es im Frühling zu treiben, zu blühen und durchs Jahr zu reifen. Doch dann fallen Blätter und Früchte wieder ab. Was bleibt, ist der Baum, der sie hervorgebracht hat. Er, der ständig neu wachsen lässt, ist darum wichtiger als alles, was er hervorbringt.
Blätter und Früchte sind mir zum Bild geworden für das, was wir Jahr für Jahr "produzieren", denken, einander sagen, geben und tun, für das, womit wir einander nähren - oder eben nicht. Wir setzen viel Zeit und Kraft für diese Dinge ein - und verlieren uns selbst dabei so schnell in einem unguten Sinn aus den Augen.
Ich liebe die kahlen Bäume sehr, wie sie so dastehen und ihre unverwechselbare Gestalt zeigen: Ja, wer sind wir dann, wenn unsere Blätter und Früchte abfallen und nur noch bleibt, was wir sind? Ich erinnere mich an eine Bemerkung meines Vaters. Wir sassen beim Mittagessen. Er erzählte von einem uniformierten Polizisten, der ihm Ärger bereitete und meinte dann: "Es nimmt mi scho wunder, was vo dem na übrigbliibt, wämmer em sini Uniform abzieht!" Oder eine alte Mitarbeiterin der Stiftung Gott hilft, die sehr viel gewirkt hat für ihren Herrn, sagte mir einmal: "Früehner han i immer wider gfröget, was isch jetz dra? Du weisch, i han gern zuepackt. Jetz beschäftiged mi e vill schwierigeri Ufgab: Ich cha nüme vill tue, nume na sii." Auch Erich Schick ist mir wieder in den Sinn gekommen mit seiner ernsten Bemerkung: "Wir Menschen scheitern - innerlich angesehen - nie an den Aufgaben, sondern nur an uns selbst." Der Apostel Paulus hat also guten Grund, auch uns zu ermahnen: "Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre!" (1. Timotheus 4,16)

Die Wurzeln

Wohl der Frau . . .
die Lust hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.
Sie ist wie ein Baum,
gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit
und dessen Blätter nicht verwelken.
Alles, was sie tut, wird ihr gut gelingen.


Wieder etwas später wandte sich mein Blick erneut auf den Baum am Wasser: Der springende Punkt in unserem Psalm ist weder das Blatt, noch die Frucht, ja nicht einmal der sichtbare Baum. Der erste Psalm lenkt unsere Blicke auf die verborgenen Wurzeln: "Sie ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen." Alles, was am Baum gedeiht, hängt damit zusammen, dass er seine Wurzeln am richtigen Ort hat.
Ein Ausspruch, den ich vor Jahren hörte, passt hier gut hin: "Im Himmel werden alle Bäume umgekehrt. Die Grösse des Baumes wird gemessen an der Grösse seines Wurzelballens." Diese Weisheit hat mich schon manchmal schmunzeln lassen und mir öfters geholfen, die Welt auf den Kopf zu stellen. So mancher "Grosse" hat mich nachdenklich gestimmt, wenn ich anfing seine Wurzeln ins Auge zu fassen. Umgekehrt habe ich von so vielen, ganz unscheinbaren Menschen reichen Segen empfangen - ein Geheimnis, das ich mir nur mit ihren Wurzeln erklären kann, mit ihren Wurzeln, die meist in grossem Leid in die Tiefe wuchsen. Es ist doch so, auch wenn unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen und arg in ihrem Wachstum beschnitten werden können: Im Wurzelboden ist immer genug Raum zur Entfaltung vorhanden! - Stimmt das?
Da kommt mir einer unserer Köche in Seewis in den Sinn, der züchtete Bonsai Bäumchen, Bäumchen also, die auch als Hundertjährige noch in einem Blumentopf Platz haben. Als er mir einmal stolz zeigte, wie eines seiner Bäumchen in der Stube wunderbar blühte, da fragte ich ihn, wie er das mache, dass die Bäumchen so klein bleiben. Er sagte mir: "Das hängt mit der Grösse des Wurzelballens zusammen. Immer wieder neu muss ich den Ballen zurechtschneiden, so dass er im Topf Platz hat. Dann wird der Baum nicht grösser."
Das ist mir zum Gleichnis geworden: Wir alle sind doch in ein kleines Umfeld hinein geboren worden, in eine durch und durch menschliche Familie, haben Gaben und oft auch Grenzen geerbt - wurden eben eingepflanzt in einen Blumentopf. Das kann sehr eng werden! Wenn wir jedoch zum Glauben an Jesus Christus kommen, werden wir umgepflanzt in das grosse Erdreich der Liebesbeziehung zu Gott. Gewisse Narben und Grenzen werden bleiben, aber es ist jetzt Raum gegeben, Kraft und Saft für ganz neue Entfaltungsschritte! So gesehen stimmt es, wenn ich vorhin sagte: Im Wurzelboden ist immer genug Raum zur Entfaltung vorhanden.
Wer gleicht jetzt dem Baum mit den kräftigen Wurzeln am rechten Ort? Der Beter des ersten Psalms sagt uns: Wer unablässig an den Worten Gottes bleibt, wer seine Worte murmelt, an seinen Worten klebt und saugt, wer seine Worte über alles liebt und aus dieser Liebe lebt. Und zwar weil es sich um eine Überlebensfrage handelt. Der Apostel Paulus würde antworten: "Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so wandelt in ihm, gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und darin überfliessend in Danksagung." (Kolosser 2.6,7) Und Jesus selbst erinnert uns an dieselbe Wahrheit, wenn er uns einlädt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht." (Johannes 15,5)

Der Wurzelgrund

Eine Weile schaute ich den ganzen Baum an. Dann ging mir auf: Es gibt noch etwas Wichtigeres als den Baum, selbst mit seinen Wurzeln. Das ist der Wurzelgrund, der ihn nährt und hält. Der Baum treibt seine Wurzeln mit nur einem Ziel: Er will ans Wasser. Er sucht Nahrung. Und indem er sich so ausstreckt, wächst sein Halt.
Ja, der Baum wird sein Alter erreichen und fallen. Der Wurzelgrund aber bleibt.
Ich erschrecke: Wie sehr dreht sich in unserem Alltag alles um den Baum. Und wie viel Frömmigkeit ist nichts als ein Kreisen um den Baum! Eine in sich geschlossene Welt ist das. "Herr, brich ein in diese in sich verkrümmte Welt und lehre mich, unentwegt zu dir hin weiterzuwachsen. Lehre mich - geleitet vom Blick auf dich allein - Wurzeln zu treiben. Lehre mich aus der Anbetung zu dienen!"

Zum Schluss

Warum habe ich das alles erzählt? Weil ich zutiefst überzeugt bin, dass der Baum am Wasser uns zum Geheimnis führt,
· wie wir in einer sich rasant verändernden Welt bestehen und schöpferisch bleiben können;
· wie wir unserer Berufung treu bleiben und dennoch weit offen sein können;
· wie wir Nährende und Schenkende bleiben, auch dort, wo unser Baum von eher un-günstiger Witterung getroffen wird;
· wie wir in Veränderungen bestehen können, sodass wir selbst darin verwandelt werden, verklärt werden, damit etwas von der Klarheit und Herrlichkeit Jesu in unserem Leben und Wirken aufleuchten darf.

Wohl der Frau . . .
die Lust hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht.
Sie ist wie ein Baum,
gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit
und dessen Blätter nicht verwelken.
Alles, was sie tut, wird ihr gut gelingen.

Amen.

Gebet:
Lieber Herr, Jesus Christus,
wir bitten dich im Blick auf unser persönliches Leben,
im Blick auf die heute feiernde Schwesternschaft,
im Blick auf deine weltweite Kirche, wo immer heute deine Kinder zusammenkommen:
Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben;
verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

(Paul Gerhardt)