Predigt zur Einsegnung von Sr. Beate Kock: 
Römer 12,12
 

15. November 2009, Pfr. Thomas Richner

 
Liebe Schwester Beate
Liebe Festgemeinde

Das Wort aus der Heiligen Schrift in diese Stunde hinein ist mir auf ganz besondere Weise zugefallen: Anfangs dieser Woche, mitten in der Nacht, bin ich aus dem Schlaf aufgewacht. Und es tönte in mir:
"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!"
Und so hat es dann auch weitergetönt. Und darüber ist mir klar geworden: Das ist das Wort für Schwester Beates Einsegnungs-Gottesdienst - als Wort zunächst für sie, dann aber auch gewiss als Wort für die ganze Festgemeinde.
Danke, Herr! Dein Reden war klar. Wir wollen uns danach ausrichten.

"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!"
Liebe Gemeinde! Auf welchem Hintergrund ist dieses Wort zu hören, damit wir es auch richtig hören?
Nun, Paulus stellt in seinem Brief an die verschiedenen römischen Hausgemeinden zu-nächst den christlichen Glauben rein lehrmässig dar: Römer 1 bis 8 - das ist Dogmatik pur. - Dann verdeutlicht der Apostel in einem geschichtlichen Abriss, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit wirklich uns Menschen alle will, ausnahmslos - für immer und ewig. Römer 9 bis 11 - das ist göttliche Heilsgeschichte im schönsten Sinn.
Und im abschliessenden, ganz praktischen Briefteil, zeigt Paulus endlich auf, was das konkrete Ziel von christlicher Glaubenslehre bzw. von Gottes Heilsgeschichte mit uns Menschen ist: Römer 12 bis 16 - da finden wir evangelische Ethik in Reinkultur.
In Römer 12, Verse 1 und 2, steigt der Apostel diesbezüglich auch gleich recht steil ein, wenn er die römischen Christen damals und mit ihnen uns Christen heute sehr deutlich auf Folgendes hinweist - und hören wir es wirklich gut auch für uns:

1. Das Leben als Christ in wahrer Christus-Nachfolge ist ein Gottes-Dienst - in herzlich-dankbarer Hingabe an den einen Gott und Vater, der immer schon uns alle liebt. Einfach so. Deshalb hier der Aufruf: "So stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung!"
(Röm. 12,1a nach GN) Christ-Sein - eine ganze Sache!
Und gleich stösst der Apostel nach:

2. Das Leben als Christ in echter Christus-Nachfolge ist in diesem Sinn immer auch eine eigentliche Pro-Existenz (Für-Existenz). Ein Leben also nicht mehr unter dem ideologischen Zwang des Selbst (Selbst-Verwirklichung - koste es, was es wolle!). Nein, ein Leben im Sinn der Pro-Existenz wird vielmehr in der göttlichen Freiheit und Bereitschaft gelebt, immer wieder von sich selbst wegzusehen und sehr bewusst da zu sein für Gott, für Gottes Menschen, für Gottes ewiges Reich.
Deshalb hier der Aufruf: So lebt für das, "was Gott von euch will". (Röm. 12,2b nach GN) Christ-Sein - eine grundsätzlich dienende Lebenshaltung!
Und weil nun das Dienen (Diakonie) offensichtlich noch nie eine selbstverständliche Sache gewesen ist, folgt jetzt noch eine letzte apostolische Akzentsetzung zu dem Christ-Sein, das diesen Namen auch wirklich verdient:

3. Das Leben als Christ in konsequenter Christus-Nachfolge ist zuletzt schlicht eine Alternativ-Existenz. Ein Leben also quer zur jeweils gerade üblichen Flussrichtung des zeit-geistigen Mainstream (der Mehrheitsmeinung). Ein Leben quer zu allen oberflächlichen und unterschwelligen Trends der Zeit. Ein Leben quer zur Welt des "man": Zu dem also, was "man" hat und auch nicht hat - zu dem, was "man" tut oder nicht tut - ein Leben nicht zuletzt quer dazu, von welchen Normen und Werten "man" sich bestimmen lässt und von welchen doch gewiss nicht mehr . . .
Deshalb hier der Aufruf: So lebt für das, "was Gott gefällt" (Röm. 12,2c nach GN) - dem Gott nämlich der ewig-gültigen Normen und Werte. Christ-Sein - eine mutige Angelegenheit!

Ja, es braucht in dieser Welt Mut, sein Leben an Gott auszurichten, und das ganz. Im Bild gesprochen: Gott - der magnetische Nordpol von meinem Lebenskompass! In allen Fra-gen. In jeder Situation.
Und es braucht in dieser Welt Mut, sein Leben für Gott zu leben - es für seine Menschen, für sein ewiges Reich zu investieren. Mit vollem Engagement. Im Bild gesprochen: mein Leben als Christ - eine Kerze, die Licht und Wärme in die Dunkelheit dieser Welt ver-strömt, sich dafür hingibt, sich darüber verzehrt.
Und es braucht in dieser Welt schliesslich auch Mut, viel Mut, mit seinem Leben quer in der zeitgeistigen Landschaft zu stehen. Vom Outfit über die Lebensform und Lebensweise bis hin zu den Normen und Werten, die ich vertrete und lebe. Im Bild gesprochen: der Christ - fürwahr ein schräger Vogel im riesigen Vogelschwarm der Menschheit. Ja:
Christ-Sein braucht Mut. Und erst recht braucht Diakonisse-Sein - als ein Ausdruck radikalen Christ-Seins - Mut, viel Mut. "Woher aber nehmen, und nicht stehlen?!" frag ich mich da ganz unwillkürlich . . . Denn das ist klar: So mutig zu leben - das geht nun mal nicht aus eigener Kraft! Das ist nur möglich mit gleichsam über-menschlicher, mit göttlicher Kraft. Ja, das ist nur möglich in der Kraft des Heiligen Geistes - als dem Geist des Vaters und des Sohnes!
Weil das so ist, ruft der Apostel nun genau an dieser Stelle den Christen seiner Zeit bzw. den Christen aller Zeiten (auch uns) so eindringlich zu - Römer 12, Vers 11: "Lasst euch von Gottes Geist durchdringen, durchglühen!" Sprich: Werdet, seid und bleibt "brennend im Geist"!
Brennend im "Geist, der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit". (vgl. 2. Tim. 1,7) Und worauf besinnt sich nun diese Besonnenheit des Geist-erfüllten Christen? In allem und durch alles hindurch? Und immer wieder neu? - Die Antwort darauf gibt uns der
Apostel in aller Klarheit nun eben mit dem Wort von Römer 12,12:

"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet!"
Was aber bedeutet das? Ja: Kann man denn überhaupt auf Befehl fröhlich sein?
"Seid fröhlich!" Das ist doch - Watzlawick lässt grüssen - Ausdruck derselben "paradoxen Intention", mit der jemand aufgefordert wird: "Sei spontan!" Schon mit dieser Aufforderung ist doch Spontaneität bereits unmöglich geworden! Und das ist nun gewiss nicht gross anders beim Aufruf zum Fröhlich-Sein!
Ja: "Seid fröhlich!" Dieser Appell wäre mit seinem Totalanspruch tatsächlich immer schon die reine menschliche Überforderung, die bare Unmöglichkeit - wenn da nicht der wesentliche Zusatz stünde: "Seid fröhlich - in Hoffnung!" Genauer übersetzt: "Seid fröhlich in der Hoffnung!" Da ist also eine ganz bestimmte Hoffnung gemeint. Und eben nicht irgendein philosophisch-nebulöses "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch).
Um es kurz zu machen: Vom gesamt-biblischen Hintergrund her ist völlig klar, was bzw. wer mit "der Hoffnung" gemeint ist. Es ist Gott selber. Gott in der Person Jesu Christi (vgl. 1. Petr. 1,3f.). So meint also unser Wort, so meint Ihr Wort, Schwester Beate:
Seid fröhlich in der Hoffnung, die Jesus Christus heisst. Ja: Seid fröhlich auf Grund der Hoffnung, die durch den Glauben an Christus in ein Leben hineinkommt, um es zu erfüllen und es bleibend zu prägen. Und das als jene Hoffnung, die durch das Leben Christi vor allem anderen Auferstehungs-Hoffnung ist. Und zwar im doppelten Sinn:
Auferstehungs-Hoffnung zum einen als Auferstehungs-Wirklichkeit schon im Hier und Jetzt. Das bedeutet zum Beispiel konkret, dass ich als Christ (als Diakonisse) nach noch so schwierigen Begebenheiten in meinem zwischenmenschlichen Alltag im Glauben an Jesus Christus seine Vergebung für mich beanspruchen darf (wo ich schuldig geworden bin) und dass ich im Namen Jesu Vergebung auch dem andern, jedem andern zusprechen kann (wo dieser schuldig geworden ist). Und so werde ich dann endlich aus solchen Situationen heraus auf dem Boden der Vergebung immer wieder aufstehen, auferstehen und meinen Weg befreit, getrost und glaubwürdig in Christus weitergehen. Das ist wahrhaftig ein Stück persönliche Auferstehungs-Wirklichkeit im Heute. - Und das Schöne daran:
Es weist zum andern immer auch schon auf die letzte, auf die vollkommene Auferstehungs-Wirklichkeit hin, die am Ende des Lebens mit Christus steht - im Sinn von Römer 5,21. Da heisst es:
"Wie durch einen Menschen (durch Adam) der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen (durch Jesus Christus) die Auferstehung der Toten."
Im Glauben an diese heilige Tatsache wird mich - in allem und durch alles hindurch - in wachsender Weise Auferstehungs-Hoffnung prägen, die schliesslich in der Vollendung bei Gott in letzter, herrlicher Erfüllung aufgehen wird. Und darüber ist nun allerdings Freude angesagt - Auferstehungs-Freude - in allem und durch alles hindurch. Darum: "Seid fröhlich in der Hoffnung!"

Darum nun aber auch das andere:
"Seid geduldig in Trübsal!"
Liebe Schwester Beate! Liebe Festgemeinde! Wer im eben beschriebenen Sinn vorzu mit Christus im konkreten Alltag Auferstehung feiern kann - in wachsender Hoffnung und Freude auf die end-gültige Auferstehung zu Gott hin -, dessen Leben ist nun darüber zwar gewiss nicht frei von Bedrängnissen, Engpässen, Nöten. Nein, das nicht.
Aber in dem allem ist für ihn klar: Gerade angesichts von notvollen Situationen mache ich mich erst recht bei meinem Herrn und Heiland fest. Spreche ich ihm mein Vertrauen aus. Denn das weiss ich tief in meinem Herzen: Nur so, in der engen Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, kann ich stand-halten, aus-halten, be-stehen. Das habe ich doch, noch und noch, in meinem bisherigen Leben erfahren! Er, der auferstandene Christus, er hat hindurchgetragen - mich und mit mir all die Last, die manchmal so schwer auf mir lag. Ja, er, der auferstandene Herr, er hat hindurchgetragen und hat hindurchgebracht - bis auf diesen Tag. Wie oft habe ich es doch mit ihm erlebt: "Wenn die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf' mit Macht herein." Unwiderstehlich. Gewaltig. Und oft auch wunderbar.
Deshalb: Von Christus getragen, will ich tragen, was nach Gottes Willen zu tragen ist - solange Tragen dran ist. Darum: "Seid geduldig in Trübsal!"

Darum nun aber auch noch dies:
"Seid beharrlich im Gebet!" 
Wörtlich: Seid eifrig, ausdauernd, stark im Gebet - im Gespräch mit Gott, mit Christus. Im Gespräch mit eurem Herrn, der die Quelle wahrer Hoffnung und Freude ist, verlässlicher Zustrom von Kraft und Geduld.
Ja: Bleibt im Gespräch mit dem Auferstandenen! Pflegt es und übt es! Und lebt darin! Und lasst euch von nichts und niemandem davon abhalten. Denn das Gespräch mit dem Herrn, das ist der Ort, wo stets aufs Neue Hoffnung aufbricht - lebendige Hoffnung. Und das Gebet ist der Ort, wo auch immer wieder - in allem drin - Freude werden kann! Freude am Herrn, als echter Stärke, als wahrer Kraft - "Jesu, meine Freude!" Und der ständige Austausch mit dem auferstandenen Herrn ist nicht zuletzt auch der Ort, wo geistliches Beharrungsvermögen entsteht und wächst und zur tragfähigen Grösse wird. Tragfähig für mich und tragfähig durch mich für andere. Tragfähig, bis Gottes Stunde da ist. In diesem Sinn: "Seid beharrlich im Gebet!"
Und erlebt darüber, was Paulus so bezeugt: "Die Hoffnung aber (Jesus Christus) lässt nicht zuschanden werden." (Röm. 5,5) Oder wie es die Übertragung "Die Gute Nachricht" so eindrücklich und wunderschön umschreibt: "Diese Hoffnung aber (Jesus Christus), gibt uns die Gewissheit, dass Gott uns nicht fallen lässt." Und wer wollte, ja, wer könnte denn schon in seinem Leben auf diese Gewissheit verzichten?!
Darum: Es sei und bleibe Ihr Wort, Schwester Beate - von Gott Ihnen ganz persönlich auf den Weg als Diakonisse mitgegeben! Es komme aber als heiliger Aufruf auch mit uns allen in die kommenden Zeiten! Römer 12,12:
"Seid fröhlich in Hoffnung! Geduldig in Trübsal! Beharrlich im Gebet!"
Amen.