| Predigt zum Jahreswort unserer Kommunität: Amos 5,4 |
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"So spricht der
Herr: |
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1. Januar 2009, Pfr. Thomas Richner |
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Liebe Gemeinde! Je länger ich mit unserem neuen Jahreswort unterwegs bin, desto mehr habe ich den Eindruck, es sei wie ein wunderschöner Brillantring, den Gott selber uns als Gemeinschaft schenkt - ja, den er jedem von uns in kostbarer Einzelanfertigung anstecken möchte. Damit wir alle diesen herrlichen Wort-Brillant auf dem Weg durchs kommende Jahr und durch die kommenden Zeiten immer und immer wieder betrachten. Und darüber an das wirklich Wichtige, ewig Entscheidende erinnert werden. Nämlich an eben dies: "So spricht der Herr: Suchet mich, so werdet ihr leben!" Wem denn hat der Herr damals, zur Zeit des Propheten Amos, diesen grossartigen Wort-Brillant zugedacht? Wem sollte er ursprünglich angesteckt werden? Die Antwort gibt "unser" Vers selbst, wenn wir ihn vollständig zitieren. Denn dann lautet er: "So spricht der Herr zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben!" "Unser" Wort ergeht also zunächst an die zehn Stämme im damaligen Nordreich Israel, und das in der ersten Hälfte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, zur Zeit von König Jerobeam II. Warum nun dieses Wort ausgerechnet zu jener Zeit und ausgerechnet an diese Adressaten? Schauen wir kurz auf die damalige Situation: Das Nordreich steht nach langen relativ ruhigen und friedlichen Jahren in wirtschaftlicher Hinsicht in voller Hochblüte. Es geht den Menschen rein materiell sehr gut. Aber gerade weil es den Menschen, dem Volk Gottes, so gut geht, kippen viele von ihnen, die meisten, mehr und mehr schlicht in eine totale Genuss-Kultur hinein. Denn: Wer sein Herz einmal an den Wohlstand verloren hat, der geht in der Regel förmlich auf in einem wahren Kult des Wohlfühlens. Dass dies dann immer auch damit einhergeht, dass man sich gegen alles verschliesst, was den Wohlfühl-Kult hindern könnte, das versteht sich von selbst. Und so ist es damals (wie heute) nur logisch, dass man sich dabei vor allem gegen den lebendigen Gott und sein Wort und gegen die Boten von Gottes Wort verschliesst, die eben kein Wohlfühl-Evangelium verkünden. Paulus würde dazu sagen: "Sie ertragen die heilsame Lehre nicht, sondern nach ihren eigenen Gelüsten laden sie sich selbst Lehrer auf, nach denen ihnen die Ohren jucken - und wenden die Ohren von der Wahrheit ab." (nach: 2. Tim. 3,3f.) Dass wir uns recht verstehen: Die Menschen damals (zur Zeit von Amos) sind sehr wohl religiös (kennen wir das?!). Und die Zentren der staatlich gestützten Kirchlichkeit haben nicht über mangelnden Betrieb zu klagen. Da läuft sehr wohl etwas in Bethel, in Gilgal, in Beerscheba. Aber beim genaueren Betrachten dieses gottesdienstlichen "Lebens" kann dem prophetischen Blick nicht verborgen bleiben, was immer schon und immer heftiger Gottes heiligen Zorn erregt: Bei all dem frommen Betrieb ist vor allem viel Gewohnheit - und sehr wenig Herz. Und so blendet wesentlich rein formale Äusserlichkeit - und nur wenig substantielle Innerlichkeit, nur wenig echte Ausstrahlung ist da vorhanden. Ja: Prägend ist eine allgemein verordnete Frömmigkeit - und nicht etwa überzeugter persönlicher Glaube. Kurz: Da ist viel Liebe zu sich selbst - und wenig Liebe zu Gott. Und weil dem so ist, fehlt nachgerade das tragende Fundament für ein Gemeinschaftswesen mit Zukunft. Und darum nimmt nun auch die Liebe untereinander ab bzw. nehmen die Ungerechtigkeiten innerhalb der Gemeinschaft überhand. Das bedeutet damals konkret: Die Schere zwischen Reich und Arm öffnet sich immer weiter. Und Menschen des konsequent gelebten Gottesglaubens, die das anprangern, werden mitsamt ihrem Streben nach Gerechtigkeit, mit ihrem Mahnen zu Gott und seinem Wort hin zunehmend ins Abseits gestellt. Man will sie nicht hören. Sie werden "gschweiget". Aber das ist nur logisch. Denn: Wenn es nach oben nicht stimmt (zu Gott hin), dann stimmt es in Kürze auch seitwärts nicht mehr (unter den Menschen). Fazit: Die Menschen des Nordreichs Israel - Gottes Volk! - sie suchen alles Mögliche zu ihrer Lebens-Erfüllung, zu ihrem Lebens-Glück. Nur Gott suchen sie nicht mehr. Auf jeden Fall nicht mehr vor allem andern. Und auch nicht mehr von Herzen, nicht mehr von ganzem Herzen. Der Herr ist zwar noch Teil ihrer Religiosität, ihrer frommen Lebensphilosophie. Denn: "Wir sind ja Gottes Volk." Der Raum von Gottes Erwählung gehört also uns. Was könnte uns da noch Ungutes geschehen? Gott wird es schon richten. Denn wir sind schon recht. Genau da hinein ertönt nun der kräftige Weckruf von Amos: "So spricht der Herr zum Haus Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben." "Suchet mich!" Dreimal ergeht in Amos 5 der Propheten-Ruf so oder ähnlich an Gottes Volk (vgl. V. 5 mit V. 6 und V. 14; in dieselbe Richtung weist auch V. 15). Und jedes Mal zielt dieses "suchen" auf die ganze, dreifache Bedeutung des hebräischen Wortes darasch: Ursprünglich bedeutet darasch (suchen) "Körner ausdreschen". Mit andern Worten geht es bei solcher Suche darum, sich voll und ganz dafür zu investieren, das Lebens-Not-Wendige einerseits zu finden, um dann andrerseits so damit umzugehen, dass es mir auch zum Leben verhilft, mich im Leben stärkt, mir das Leben erhält - mir also gleichsam zum Leben wird. In diesem Sinn meint es Gott also vor allem andern, sein: "Suchet mich!" Neutestamentlich ausgezogen, sagt Jesus auf dem Hintergrund eben dieser Wortbedeutung eigentlich dasselbe, wenn er darauf hinweist: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht (mehr) hungern." (Joh. 6,35) Also: Setzt alles dran, mich zu suchen, mich zu finden und die Gemeinschaft mit mir dann so zu pflegen, dass mein Leben (mein Denken, Fühlen und Wollen) gleichsam in eurem Leben aufgeht, zu eurem Denken, Fühlen und Wollen wird - so dass meine Kraft euch in allem stärkt und meine Gnade euch durch alles hindurch trägt und erhält. In diesem Sinn: "Suchet mich!" Drescht Körner aus! Denn Brot des Lebens braucht ihr! Diese erste Wort-Bedeutung nun ist so stark, dass es nicht erstaunt, dass dasselbe Wort für "suchen" zu späterer Zeit schlicht mit der Folge davon identifiziert und übersetzt wird. Und so wird aus "suchen" eben "finden". Ja: Wer sucht, wird finden. Wer Gott sucht, wird Gott finden. Er wird Christus finden. Gott selbst sagt an anderer Stelle dazu: "Ihr werdet mich suchen - und finden, denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen." (Jer. 29,13; vgl. Spr. 2,7) Wer nun aber Gott findet, der wird ihn dabei ganz wesentlich auch auf der dritten Bedeutungsebene des hebräischen Wortes darasch kennen lernen: Er wird nämlich Gott und seinen Christus als den Herrn erleben, der nicht "nur" den Suchenden finden lässt, sondern der dann auch mit ihm reden wird, ihm "antworten" wird. Genauso hat es zum Beispiel der Psalmbeter erlebt, wenn er bezeugt: "Als ich den Herrn suchte - antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht." (Ps. 34,5) Liebe Gemeinde! "Suchet mich!" Ja: "Suchet mich" in allen Lebensfragen, in allem, was euch bewegt, bedrängt und umtreibt! "Suchet mich" in allem, was eben Lebens-wichtig, was Lebens-notwendig für euch ist! "Suchet mich!" - das bringts! Darum: Bethel, Gilgal und Beerscheba - zuletzt Symbole für religiöse Oberfläche und fromme Äusserlichkeit - sie können es nicht sein! Denn statt zu Gott hin führen sie an Gott vorbei und damit zuletzt von Gott weg. Statt Christus zu hören, höre ich da nämlich nur Menschenstimmen - und damit Menschlich-Allzu-Menschliches. Und statt vom Heiligen Geist erfüllt und bewegt zu werden, werde ich da mit blossem Zeitgeist abgefüllt und in Wohlfühl-Trägheit eingelullt. Frage: Was oder wer ist allenfalls, so verstanden, mein Bethel, mein Gilgal, mein Beerscheba? "So spricht der Herr: Suchet mich, so werdet ihr leben!" "Suchet mich!" Und was findet der echte Gott-Sucher beim einen Gott und seinem Christus - im Heiligen Geist? - Wenn wir auf diese Frage hin das Buch Amos als Ganzes durchgehen, dann finden wir wesentlich ein Dreifaches. Erstens: Der aufrichtige Gott-Sucher findet vor allem andern den Gott, der in der Liebe Christi all seine Menschen erwählt hat und will. Amos spricht diesbezüglich vom Gott, der "euch erkannt" hat (3,2), um "bei euch (zu) sein" (5,14b) in vollkommener Liebe. Zweitens findet der wahrhaftige Gott-Sucher immer auch den Gott, der durch den Sieg Christi uns Menschen alle erlösen will - und das grundsätzlich-einmalig, aber auch immer wieder einmal. Denn im göttlichen Erlösen steckt nicht "nur" die einmalige Befreiung, die einmalige Vergebung. Nein, da gilt vielmehr: "Bei Gott ist viel Erlösung." (Ps. 130,7) Sprich: Bei unserem Gott ist wiederholte Befreiung! Da war ja nicht nur Ägypten, da war auch Babel! Und bei unserem Gott ist sehr wohl auch 70x7x Vergebung (vgl. Mt. 18,22)! Ohne dass wir darüber Gottes Erlösung, seine Befreiung und Vergebung je zur Billigware pervertieren wollten! Nein: Keine "billige Gnade"! Drittens: Auf der heilig-herrlichen Grundlage von Erwählung und Erlösung nun finden wir als ehrliche Gott-Sucher zuletzt stets auch den Gott, der uns nur zu gerne unter dem vollen Segen Christi führen möchte - auf unserm ganzen Lebensweg. Schönstes Bild dafür ist im ganzen Buch Amos wohl das Bild vom "miteinander wandern" (3,3). Ja, genau das will Gott, der liebende Gott: Er will mit dir, mit mir wandern, auf dem Weg sein - führend, schützend, segnend. Ich denke: Das Bild von unserer Schwester Lukas, wo der Engel des Herrn als Lichtgestalt den menschlichen Wanderer auf seinem Weg buchstäblich "von allen Seiten umgibt" (vgl. Ps. 139,5) - dieses Bild stellt das aufs Eindrücklichste dar. Gott - der Wanderer mit uns, um uns, für uns! Und - was hindert mich eigentlich noch, auf der Basis von Gottes Erwählung, Erlösung und Führung mit allem, was ich bin und habe, Gott zu suchen - und auch zu finden? Um von ihm in Christus geliebt, befreit und geschützt den Weg meines Lebens zu gehen - in der Spur des Herrn - in seiner Schrittlänge - in seinem Tempo - unter dem vollen göttlichen Segen?! Noch ein Hinweis dazu: Wenn Gott uns hier und heute zuruft: "Suchet mich!" Bzw.: "Suchet mich!" dann tut er das wesentlich (wir kommen ja von Weihnachten her) auf dem Hintergrund dessen, dass er uns in Jesus seinerseits schon längst entgegen gekommen ist, um uns zu suchen und uns durch Christus in seine vollkommene Gemeinschaft hinein zu lieben. Ja: Weil es Gott in seiner vollkommenen Liebe um uns geht, sucht zuerst er uns. Und ruft dann uns zu: "Sucht mich!" Denn Gott weiss es, und wer Gott kennt, weiss es auch: Das höchste menschliche Glück ist es, bei Gott zu sein. Mit ihm zu wandern. Durch diese Zeit. Der Ewigkeit entgegen. "Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde." (Ps. 73,25) O, so wollen wir uns doch ganz neu öffnen für Gottes Liebes-Werben um uns! "Suchet mich!" "Suchet mich!" Ja, wir wollen uns gerne einlassen auf ihn, unsern Herrn! Wollen zulassen, dass er uns finden und erfüllen darf mit seinem göttlichen Reichtum! Und wir wollen uns ihm auch bewusst überlassen: seinem guten Willen über uns, seinem guten Plan mit uns, seinem guten Ziel für uns. Denn: "So werdet ihr leben." Bzw.: "Und ihr werdet leben." Ja: Die Gott suchen, die werden nicht "nur" Gott finden, sondern denen wird darüber nun auch "das Herz aufleben", wie wir es im Lied singen (RG 77; vgl. dazu: Ps. 69,33!). Denn sie werden in der Gemeinschaft mit Gott - Vater, Sohn und Heiliger Geist - auch jenes andere Geheimnis entdecken und auskosten, ein Leben lang - das Geheimnis nämlich, dass ich bei Gott mich selbst finde. Und zwar so, wie ich wirklich bin. So wie eben Gott, mein Gott, mich gedacht und geschaffen hat. Von Anfang an. Und so ist denn die oft mühsame Frage nach meiner Identität (Wer bin ich denn eigentlich?!), bei Gott angekommen, in Gott endlich gelöst. Und das so wunderbar, dass ich mich nun auch annehmen kann. Brutto: mit "Verpackung" und "Inhalt" - mit Äusserem und Innerem. Und so kann ich mich jetzt im Herrn auch zunehmend zu dem hin entfalten, was für mich durch Gottes Güte zu leben möglich ist - kann mich entfalten im heiligen Raum meiner schöpfungsgemässen göttlichen Möglichkeiten und göttlichen Grenzen. Und in solch heilig-natürlicher Entfaltung kann ich nun auch immer klarer meine göttliche Berufung erkennen. Und kann sie jetzt auch bewusst annehmen und konsequent ausleben. Um so in einem wahrhaft erfüllten Leben aufzugehen. Erfüllt nicht etwa deshalb, weil ich jetzt in penetranter Selbst-Verwirklichung machen würde. Nein, erfüllt deshalb, weil ich mich nun endlich in jener befreiten Christus-Verwirklichung bewege, in der ich wachstümlich werde, was ich vom Schöpfer her eigentlich immer schon bin. Eben: "So werdet ihr leben!" Authentisch leben, echt leben. Und in solch ganzheitlicher Authentizität (Echtheit) mit Gott auf dem Weg, entdecke ich nun fast von selbst auch jenes dritte, schlicht überwältigende göttliche Geheimnis. Das Geheimnis nämlich, dass ich jetzt durch Gott in Christus den Zugang zu Gottes Menschen finde: den Zugang zum Nächsten, hier und dort und wo auch immer. Und dieser weit offene Zugang zu den Herzen der Menschen Gottes ist nun nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil "unser" Wort ja eben nicht nur "unser" Wort ist, nur uns als einzelnen Gläubigen bzw. uns als Gemeinschaft von Gläubigen gehört. Nein, es gilt und gehört doch zuletzt allen Menschen, dieses göttliche: "Suchet mich, so werdet ihr leben!" Denn: "Gott will (in seiner Liebe), dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1. Tim. 2,4) Sprich: Gott will, dass alle Menschen leben. Jetzt und in Ewigkeit. Das ist zuletzt die missionarische Spitze dieses zunächst so existentiellen Wortes. Darum, auch darum: Lassen wir uns von unserem Herrn diesen wunderbaren Brillantring gerne schenken! Ja: Lassen wir uns diesen heiligen Ring als göttliches Bundeszeichen je persönlich anstecken! Damit dieser herrliche Wort-Brillant uns einzeln und uns als ganze Gemeinschaft immer und immer wieder an das erinnere, was wirklich wichtig und ewig entscheidend ist: für mich, für uns und für alle Menschen. Nämlich eben dies: "Suchet mich, so werdet ihr leben!" Amen. Gebet (nach Georg Weissel) "Such, wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden: Mein Herz allein bedacht soll sein, auf Christum sich zu gründen. Sein Wort ist wahr, sein Werk ist klar; sein heilger Mund hat Kraft und Grund, all Feind zu überwinden. Such, wer da will, Nothelfer viel, die uns doch nichts erworben: Hier ist der Mann, der helfen kann, bei dem nie was verdorben. Uns wird das Heil durch ihn zuteil; uns macht gerecht der treue Knecht, der für uns ist gestorben. Ach, sucht doch den; lasst alles stehn, die ihr das Heil begehret; er ist der Herr, und keiner mehr, der euch das Heil gewähret. Sucht ihn all Stund von Herzensgrund, sucht ihn allein; denn wohl wird sein dem, der ihn herzlich ehret. Meins Herzens Kron, mein Freudensonn, sollst du, Herr Jesu, bleiben; lass mich doch nicht von deinem Licht durch Eitelkeit vertreiben. Bleib du mein Preis; dein Wort mich speis. Bleib du mein Ehr; dein Wort mich lehr, an dich stets fest zu glauben." Amen. |