| Predigt 06. April 2008 | |
| «Ich bin der gute Hirte» | |
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Text: Johannes 10,11-16;27-30
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| Johannes 10,11-16;27-30 | |
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11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die
Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht
gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und
der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist
ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14 Ich bin der gute
Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15 wie mich mein
Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die
Schafe. 16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem
Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören,
und es wird "eine" Herde und "ein" Hirte werden. 27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins. |
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| Liebe Gemeinde! | |
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Kennen sie, kennt ihr den Film oder das Buch "Der Pferdeflüsterer"?
Die Geschichte handelt von einem traumatisierten Pferd, das zu einem Mann
gebracht wird, der eine Therapie mit dem Pferd macht. Langsam kann er das
Vertrauen des Pferdes gewinnen und durch sein sanftes Reden und seine
Liebe wird es wieder heil. "Seit jenem Augenblick, als dem ersten Pferd ein Halfter angelegt wurde, gab es unter den Menschen einige wenige, die in die Seele der Tiere schauen konnten. Oft hielt man sie für Zauberer, vielleicht waren sie das auch. Und da sie Geheimnisvolles leise in gespitzte Ohren flüsterten, nannte man sie die Pferdeflüsterer." (Zitat aus Nicholas Evans, Der Pferdeflüsterer) |
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Was flüstert dieser Mann den Pferden ins Ohr? Wie kann er die völlig
verstörten Tiere wieder zähmen und in eine Ordnung bringen? In unserem Predigttext wird Jesus beschrieben, wie er sich liebevoll um seine Schafe kümmert. Diese kennen seine Stimme und sie folgen ihm vertrauensvoll. Jesus, der Schafe-Flüsterer? Was und wie spricht Jesus denn zu den Schafen, dass sie ihm folgen? Was hat es auf sich mit dem Schafe-sein? |
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| Der gute Hirte | |
| Jesus bezeichnet sich als guter Hirte. In der Lesung aus dem Buch Hesekiel haben wir gehört, wie dieser gute Hirte seine Herde führt: er wird sie auf fette Weiden führen und sie lagern lassen, er wird das Verlorene suchen, das Verletzte heilen und das Verwundete verbinden, das Schwache stärken und was fett und stark ist, wird er behüten. Hier wird uns ein Bild vor Augen gemahlt, dass die Seele berührt. Ganz so, wie es auch viele Künstler gemalt haben: grosse Herden mit einem Hirten, die in idyllischer Landschaft lagern. Oder dann kleine Szenen mit dem Hirten und einigen Schafen um ihn her, so wie diese hier. Es ist eine Plastik aus Ton, die ich vor vielen Jahren von einem Töpfer gekauft habe, weil sie mich so angesprochen hat. Drei Schafe, die ganz nah beim Hirten sind. Auch diese Szene drückt Geborgenheit und Harmonie aus. Vielleicht empfinden wir diese Szenen als sehr naiv. Wir wissen, dass das Hirten- und Schafeleben nicht nur Romatik ist, sondern hart und entbehrungsreich. Natürlich gehört das dazu, auch in unserem Predigttext lesen wir von den Wölfen, die die Herde bedrohen, vom guten Hirten, der sein leben lässt für die Schafe und vom schlechten Hirten, dem die Schafe nicht am Herzen liegen. Aber auch diese anrührenden Bilder gehören dazu. Es ist wie im wirklichen Leben: oft liegen Härte und Schönheit nahe beisammen. Oft sind es die schweren Momente, wo uns die Liebe ganz deutlich bewusst wird. Und so hoffe ich, dass wir beides in unserem Leben zulassen können: das Harte und das Weiche. | |
| Jesus betont in unserem Text so sehr das Kennen. Er kennt die Schafe und sie kennen ihn. Er vergleicht dieses Kennen sogar mit der Beziehung, die er zu seinem Vater hat. Und wir wissen, dass diese sehr eng und vertrauensvoll ist und dass er und der Vater eins sind. Im hohepriesterlichen Gebet heisst es: "Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast." Die Schafe können Jesus so tief kennen wie die göttliche Dreieinigkeit sich kennt? Ich kann so eins mit Jesus sein, wie er mit dem Vater ist? Geht das? Wir reden oft davon, dass wir etwas oder jemanden kennen? Aber tun wir das wirklich? Freunde, die sich lange kennen oder ein Ehepaar, dass lange verheiratet ist, das kennt sich gut. Man könnte hier sagen, dass der Partner im Herzen des andern lebt, mehr oder weniger. So kann man das Kennen und Einssein in unserem Text verstehen. Die Schafe liegen Jesus am Herzen, sie sind in seinem Herzen und der Hirte Jesus ist auch in den Herzen der Schafe. | |
| Übertragen wir das auf uns: wir liegen also unserem Hirten Jesus am Herzen, so nah sind wir bei ihm. So gut kennt er uns, kennt er unsere Bedürfnisse, weiss er, was wir nötig haben. Wir können es ihm sagen, aber weil er uns kennt, weiss er es auch einfach so. Und er will uns das geben, was wir brauchen. Er tut alles, damit wir gute, satte und frohe Schafe sind - das mit den fetten Schafen will ich hier mal nicht so betonen J. Er spricht zu uns, vielleicht wie der "Pferdeflüsterer", er berührt unsere Seele, er redet uns gut zu, er ermutigt uns, er sagt uns liebe Worte, er tröstet uns. Der Hirte sorgt für die Herde, er kümmert sich um unsere Nöte und auch wenn es uns gut geht, behütet er uns. Prägen wir uns dies ins Herz ein - dazu kann uns vielleicht eben ein solches Bild helfen. So ist der gute Hirte Jesus! Wir sind in seinem Herzen, ganz nah. | |
| Die Stimme hören in meinem Herzen | |
| Doch nicht nur wir sind im Herzen des Hirten, sondern auch der Hirte ist in unserem Herzen. Auch wir können den Hirten Jesus so gut kennen, wie er uns kennt. Er ist in mir, er lebt in meinem Herzen und ich kann seine Stimme hören. Die Schafe kennen die Stimme des Hirten genau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie manchmal so eine Sache machen wie wir Christen-Schafe. Manchmal scheint es mir eine ganze Wissenschaft zu sein, wie ich die Stimme Jesu hören kann. Aber kann es denn so schwer sein? Warum meinen wir oft, dass wir die Stimme Gottes nicht hören? Ist es wirklich so kompliziert, wie wir manchmal glauben? Der Hirte wird doch so reden, dass die Schafe es verstehen. Wenn wir an den guten Hirten denken, würde der seine Schafe so irren lassen? Würde er zulassen, dass wenn wir es wollen, wir ihn doch nicht verstehen, seinen Willen nicht erkennen? Ich glaube, dass dieser Hirte alles mögliche tut, dass wir ihn hören können. | |
| Und wenn ich Mühe beim Hören habe aus irgendwelchen Gründen, dann bemüht sich der Hirte noch mehr. Er sorgt für uns, wie wir es brauchen. Jesus spricht in unserem Herzen. Aber wir hören manchmal nicht. Woran mag das liegen? Vielleicht ist es wie mit dem Pferd in diesem Film. Es ist traumatisiert, es ist verstört, misstrauisch. Im Film hat ein Unfall mit einem Auto dazu geführt. Das Grundvertrauen des Tieres wurde zerstört. So ist es auch bei vielen Menschen. Durch schwierige Erlebnisse wurde Vertrauen zerstört, Vertrauen in andere Menschen und auch das Vertrauen in sich selbst. Wer sich selber oder andern gegenüber misstrauisch ist, der wird sich auch Gott nicht ohne weiteres anvertrauen. Vielleicht ist es dann so, dass Gott zwar spricht in meinem Herzen, ich aber unsicher bin, ob das Gottes Stimme ist. Es gibt zu viele andere Stimmen, die auch noch sprechen. Oder man meint, dass es nur die eigene Stimme ist, die ich höre. Wie spricht denn aber Jesus in mir? Sind es nicht die lebensfördernden und liebevollen Worte des Hirten? Sind es nicht jene Worte, die mich zu saftigen Weiden führen? | |
| ch gehe davon aus, dass Gott in meinem Herzen spricht. Das was mein Herz mir sagt, kann also Gottes Stimme sein. Wenn ich ihn hören will, muss ich also mein Herz gut kennen lernen und verstehen. Vom alten Testament her, dem hebräischen Denken ist das Herz das Zentrum des Menschen. Wenn ich mein Herz kenne, dann kenne ich mich. Aber kennen allein genügt noch nicht. Ich muss, soll und darf lieben, was ich kenne. Ich bin überzeugt, dass ein Mensch, der sich gut kennt und sich mit all dem, was er in sich findet angenommen hat, ja, sich selber liebt, dass dieser Mensch Frieden hat. Dieser Friede mit sich selber, dieses Vertraut sein mit sich selber, dieses Zuhause sein bei sich selber ist wichtig, wenn ich Gottes Stimme in mir erkennen will. Ich muss bei mir selber sein, in mir selber wohnen, im Einklang mit mir selber sein, damit ich die Stimme des Hirten erkenne. Gott spricht durch mich selber, durch mein Herz. Ich darf in mich selber Vertrauen haben, dass ich schon richtig höre, was Gott mir sagt, weil der Hirte in mir wohnt. Ich kann aufhören mir selber zu misstrauen, kann aufhören ständig zu zweifeln, denn dieses Misstrauen macht mich fertig. Damit mache ich mich selber schlecht und auch Jesus den Hirten, der zu mir spricht. Dieses Misstrauen stört die Beziehung zu Jesus. Liebe und Annahme ist eine Hörvoraussetzung. | |
| Eine weitere ist das Vertrauen. Wer vertraut, kann sich dem anderen anvertrauen, er kann sich fallen lassen, loslassen. Das geht nicht von selber, v.a. wenn ich eben wenig Vertrauen habe. Aber Vertrauen ist nicht nur ein Gefühl, sondern hat viel mit Entscheidung zu tun. Ich kann nicht warten, bis das Vertrauensgefühl da ist und dann vertrauen, sondern ich muss den Schritt des Vertrauens wagen und dann kommen auch die Gefühle mit. Dieser Mut zum Vertrauen geht nur, wenn ich das Misstrauen loslasse. Ich kann und muss mich entscheiden, das Misstrauen immer und immer wieder loszulassen und mich für das Vertrauen entscheiden. Das ist schwierig, aber notwendig. Aber Jesus als liebender Hirte ist ja da, er begegnet mir liebevoll. Er sorgt für mich, ja, er gibt sein Leben für mich. Ich kann mein Misstrauen loslassen in ihn hinein. Ich kann dem guten Hirten vertrauen, denn "...niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen." Ich bin sicher und geborgen, wenn ich mit dem Hirten gehe. | |
| Und sie folgen mir | |
| Denken wir nochmals an die schönen Darstellungen oder Fotos von Schafherden. Da sind nicht immer alle Schafe um den Hirten herum, im Gegenteil, manche sind sogar recht weit weg. Der Hirte lässt sie weiden, er gibt ihnen Freiheit. Sie sollen sich ihr Futter suchen, aber trotzdem in Kontakt mit dem Hirten bleiben. Und wenn nicht, dann geht der Hirte auf die Suche nach dem verirrten Schaf. Wenn der Hirte weiterziehen will, dann folgen die Schafe. Nachfolge heisst, mit dem Hirten gehen. Ihm vertrauen, dass er die guten fetten Weiden kennt. Wenn es bei uns um Entscheidungen geht, der Frage nach Gottes Willen und Weg für eine Sache, dann ist es - um im Bild des Hirten zu bleiben - die Frage, wohin ich geführt werde. Wohin führt mich der Hirte, der in mir lebt? Wohin führt mich mein Herz? Wohin führt mich das Leben oder was führt mir das Leben zu, womit werde ich konfrontiert? Die Schafe gehen mit, sie laufen nach. Auch ich kann mitgehen mit dem, was mir das Leben zuführt und darauf vertrauen, dass der Hirte da ist. Niemand kann sie aus seiner Hand reissen. Auch der Wolf nicht, auch andere Flüsterer nicht, die mir etwas einreden wollen. Niemand hat die Macht, mich aus der liebevollen Beziehung zum Hirten zu reissen, weil er in mir lebt und ich in ihm. Dieses Einsein, wie der Vater mit dem Sohn, ist der Vorgeschmack des ewigen Lebens. Dieses Kennen, wie es nur die Liebe tut, ist Weg und Ziel unseres Lebens. Der Weg, weil wir im Einssein mit dem Hirten auf rechter Strasse geführt werden, das Ziel, weil wir ihn, Gott unseren Vater in Ewigkeit erst richtig kennen lernen dürfen. Einssein mit dem Hirten ist Einssein mit dem Leben, weil er das Leben ist. | |
| Amen! | |