Mutter Helene

 
 

4. Oberin von 1898 bis 1934

 
 
Schwester Helene Claus-Auberlen prägte eine ganze Epoche der Geschichte des Diakonissenhauses, nämlich die der Institutionalisierung. Sie war während 36 Jahren, von 1898 bis 1934, Oberin des Diakonissenhauses.
 
Wirtschaftliche Situation:
In der Schweiz waren dies Jahre der politischen Kämpfe der Arbeiterschaft. Viele Streiks und im Gegenzug Armeeaufgebote prägten die Stimmung. Als der 1. Weltkrieg 1914 überraschend ausbrach, war die Schweiz militärisch wohl ausreichend, wirtschaftlich aber ungenügend vorbereitet. Es kam zu einer grossen Teuerung unter der vor allem die ärmeren Schichten der Städte zu leiden hatten. 1918 folgte die Krise: Der Landesstreik. 250 000 Arbeiter gingen auf die Strasse. Eine Solidarisierung der breiten Bevölkerungsgruppen blieb aber aus und der befürchtete kommunistische Umsturz blieb aus. Unter diesem hohen politischen Druck wurde auf Bundesebene das Proporzwahlrecht eingeführt. Es ermöglichte der SP eine angemessenere Vertretung. Nach dem Krieg kam es infolge einer überhitzten Konjunktur zum Währungszerfall. 1929 bis 1932 folgte dann die Weltwirtschaftskrise mit einer lang andauernder Arbeitslosigkeit im Schlepptau. Eine ganze Generation war betroffen und das zu einer Zeit als es noch keine Arbeitslosenversicherung gab. Erst 1936 war ihr Höhepunkt erreicht.
 
Was geschah während ihrer Amtszeit im Diakonissenhaus?
Im Jahre 1900 wurde die psychiatrische Klinik Sonnenhalde mit 60 Betten dem Betrieb übergeben, sieben Jahre später folgte die Einweihung des zweiten Diakonissenspitals (des heutigen Gemeindespitals) und der Umbau des ehemaligen Spitals zum heutigen Mutterhaus. 1919 wurde der Moosrain gebaut, ein Heim für 60 alte bzw. chronischkranke Männer und Frauen.
Die Zahl der Diakonissen stieg stetig an. Jedes Jahr traten etwa 20 neue Schwestern ein, was zu einem Anstieg von 319 (1898) auf 565 Schwestern (1934) führte. Die meisten wurden in der Krankenpflege ausgebildet. Das neue Diakonissenspital galt als eines der modernsten Schulspitäler der Schweiz. Die aseptische Methode war eingeführt worden. Sie führte zu guten Resultaten bei Wundheilungen und eröffnete ganz neue Horizonte bei Operationen der Bauchhöhle. Die Schülerinnen wurden individuell ausgebildet und zu eigenem Beobachten, Nachdenken und Verstehen angeleitet. Neben der Arbeit sollte auch der Erholung Raum eingeräumt werden dem Angebot des Besuchs von kulturellen und sportlichen Aktivitäten. Aus vielen Kantonen kamen Anfragen nach den gut ausgebildeten Schwestern. Die Riehener Diakonissen prägten eine ganze Generation der Krankenpflege in vielen Regional- und Kantonsspitälern der Schweiz. Neben der Arbeit in den Kliniken gab es jedoch auch immer Schwestern, die mit Kindern, alten Menschen, Häftlingen und in der Fürsorge arbeiteten.
 
Wie verstanden die Diakonissen ihre Berufstätigkeit?
Sie wollten und wollen Dienerinnen des Gottes sein, der von sich sagt, das er das geknickte Rohr nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen will, und der für sich beansprucht, der Retter zu sein.

Aus persönlichen Berichten einige Streiflichter:
In der praktischen Krankenpflege machten wir oft die Erfahrung, dass eine Krankheit am Patienten, der Familie und der Pflegenden viel Segen bewirkt.
Abends wurde in den Krankensälen ein erbaulicher Text vorgelesen, was die Schwester oft einige Überwindung kostete, aber von den Patienten meist geschätzt wurde.
In der erzieherischen Arbeit mit Gefängnisinsassen und jungen Frauen, die der Fürsorge anheim gestellt waren, wurde die Arbeit als wichtigstes pädagogisches Mittel eingesetzt. Doch es wurde auch erkannt, dass die Freude wichtig ist. Sie sollte geweckt werden durch Spiele, Gesang und Ausflüge. Auch in der Betreuung mit Behinderten wurde die Erfahrung gemacht, dass Mitleid nur den Charakter schwächt. Sie wurden ebenfalls geschult und in einen Arbeitsprozess integriert. Das Wichtigste aber in der Arbeit mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, ist die gezeigte Wertschätzung und Liebe. Doch das kann auch die Diakonisse nur insofern geben, als sie selber in einer Liebesbeziehung zu Gott steht.

 
Wer war Schwester Helen?
Eine Schwester, die sie persönlich gut kannte beschreibt sie als eine edle, gebildete Persönlichkeit, die mit leiser Stimme sprach und sich meist nur im kleinerem Kreis äusserte.
Sie wurde am 10. Oktober 1854 in Basel als zweite Tochter des Theologieprofessors Carl August und der Clara Auberlen geboren. Sie hatte zwei Geschwister. Mit zehn Jahren verlor sie ihren Vater, doch bis zur Beendigung ihrer Schulzeit und Konfirmation blieb die Familie noch in Basel. Dann aber mit 18 Jahren zogen sie nach Frankfurt zur Familie mütterlicherseits. Dort starb schon nach einem Jahr ihr Bruder. Sein Tod traf sie sehr.
Mit 29 heiratete sie den Pfarrer W. F. Claus und versah während sechs Jahren bis zu dessen Grippetod das Amt der Pfarrfrau in Strümpfelbach und Belsen. Nach dem Hinschied ihres Gatten ging sie zurück zu ihrer Mutter nach Stuttgart. Hier liess sie sich schon bald, nämlich 1890, in den Verwaltungsrat des Stuttgarter Diakonissenhauses wählen. Sieben Jahre später kam dann die Anfrage aus Riehen zur Oberin. Zuerst lehnte Schwester Helen ab. Als aber die Anfrage wiederholt wurde und auch ihre Mutter das Einverständnis gab, sagte sie dem Dienst in Riehen zu. Mit 44 Jahren wurde sie an Himmelfahrt 1898 als Oberin ordiniert. Wie schon erwähnt, versah sie diesen Dienst während 36 Jahren bis zu ihrem 80. Lebensjahr. Während ihres Lebensabends erlebte und erlitt sie noch den zweiten Weltkrieg. Mit 92 im Jahre 1946 durfte sie heimgehen.