«Meine Berufung leben im Alltag . . .»

 

Interview mit einer Novizin

 
Sr. Karin Tanner im Interview mit Sr. Karin Müller
 
Sr. Karin, kannst Du Dich kurz vorstellen?
Ich bin 1963 geboren und in Bubikon im Zürcher-Oberland aufgewachsen. Mein Beruf ist Sozialpädagogin mit Schwerpunkt Geistigbehinderte. Während rund 20 Jahren habe ich mich in der Cevi-Jungschar engagiert, zuerst als Teilnehmerin und später auch als Abteilungsleiterin. 1996 habe ich die Lebensschule im Diakonissenhaus Riehen gemacht und 1997 bin ich zusammen mit Sr. Elisabeth eingetreten.

 
Du bist schon sechs Jahre in der Gemeinschaft und bist immer noch Novizin?
Ja, im Moment bin ich noch im Noviziat. Bei uns in Riehen dauert die ganze Probezeit ca. 6 Jahre: das Postulat 1 Jahr, das Noviziat 1 ca. 2 Jahre und das Noviziat 2 etwa 3 Jahre. Sr. Elisabeth und ich werden aber bald eingesegnet. Am 31.05.04, an Pfingsten ist unser grosser Tag, wo wir definitiv in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Ich freue mich sehr darauf, weil ich merke, dass es nun Zeit ist.

Was muss man machen um eingesegnet zu werden? Einsegnung, wie geht das?
Im Gespräch mit der begleitenden Schwester wird die Einsegnung thematisiert, dann ein Antrag mit der Bitte um Einsegnung an die Leitung unserer Gemeinschaft und die Zusage des Schwesternrates zur Einsegnung - und die ganze Festplanung kann beginnen. Wir dürfen Gäste einladen, Familie, Freude und Bekannte. Vor der Einsegnung haben wir eine 14-tägige Rüstzeit als Vorbereitung mit geistlichen oder kommunitären Themen passend zur Einsegnung.

Wie haben Deine 6 Jahre im Diakonissenhaus ausgesehen?
Im ersten Jahr war ich im Mutterhaus eingesetzt - wie alle, die neu da sind - im Haushaltbereich, darin enthalten fünf Wochen im Pflegeheim bei unseren ältesten Mitschwestern, anschliessend zwei Jahre im Gästehaus "Annaheim" in Spiez. Während einem Jahr durfte ich den Biblischen Jahreskurs auf St. Chrischona besuchen und seit Sommer 2001 arbeite ich in unserem Wohn- und Gästehaus als stellvertretende Hausschwester und Verantwortliche für das Begleitete Wohnen.

Begleitetes Wohnen, was ist das genau?
Dies ist ein Angebot für Frauen, die teilweise schon jahrelang mit uns leben oder gearbeitet haben und auf sehr verschiedene Art Unterstützung brauchen, z.B. Vormundschaft, Hilfe in praktischen Alltagsfragen, Begleitung in Krankheitszeiten. Manche brauchen Hilfe in der Freizeitgestaltung oder sind dankbar über gemeinsame Anlässe wie der wöchentliche Kaffeetreff und das monatliche Frühstück. Ich bastle oder backe mit Einzelnen etwas oder besuche die Basler Herbstmesse - dort darf eine Fahrt auf dem Riesenrad nicht fehlen.

 

 
Was gefällt Dir besonders an dieser Aufgabe?
Sie entspricht ein Stück weit meiner Ausbildung. Es ist schön, dass dies so ist. Ich mag es, mit Einzelnen unterwegs zu sein und Hilfe zu geben. Ich - wir als Gemeinschaft - wollen diesen Menschen ein Daheim geben. Sie gehören wie selbstverständlich zur grossen Familie dazu. Sie sollen da bleiben können, wo sie teilweise ein Leben lang gearbeitet haben. Ich schätze die Vielseitigkeit meiner Aufgabe insgesamt.
 
Was tust Du gerne, wenn Du nicht arbeitest?
Ich mache gerne Frivolité-Spitzen, backe Brot (und verwöhnt damit ihre Mitschwestern - Anmerkung der Redaktion) und wandere. Jedes Jahr in den Ferien laufe ich mit einer Mitschwester zusammen ein Stück weiter auf dem Jakobsweg. Im Herbst waren wir in Frankreich unterwegs.
Mein Hobby im Sommer ist der Kräutergarten. Es macht mir viel Freude, draussen zu arbeiten sei es hacken, giessen, ernten oder einfach nur still beobachten. Es tut mir gut.

Dann bist Du die Kräuterschwester, die für Tee und Salben sorgt?
So könnte man es nennen, aber es ist alles noch im Kleinformat. Ich habe Johannisöl angesetzt, liefere Kräuter für Tee und Küche - seit einiger Zeit gibt es auch Kräutertee zum Abendessen im Speisesaal. Ein Projekt für das nächste Jahr ist Ringelblumensalbe.

 
Was schätzt Du am Leben im Diakonissenhaus?
Die drei Gebetszeiten über den Tag verteilt bedeuten mir viel. Der gemeinsame Beginn am Morgen, Stille halten bei Gott vor dem Mittagessen und der Tagesabschluss mit dem Fürbitteteil am Abend. Es ist so gut, dass es stattfindet, regelmässig. 

Ich muss nicht überlegen, ob ich hingehe, sondern es gehört selbstverständlich dazu. Ein Geschenk ist, dass wir nach dem Frühstück zwischen 7.00 und 8.00 Uhr die Möglichkeit zur persönlichen Stillen Zeit haben. Aber auch während der Arbeit ist das Gebet mir lieb. Wenn ich z.B. Wäsche verteile, kann ich an die jeweilige Schwester denken und für sie beten.
 

Sr. Karin, wie wohnst Du als Schwester?
Seit August 02 wohne ich mit 5 Mitschwestern zusammen in einer Wohngruppe im Mutterhaus. Jede hat dort ihr Zimmer, gemeinsam haben wir ein grosses Wohnzimmer mit Küchenteil. Donnerstags ist gemeinsamer Abend mit Austausch und Gebet. Jede von uns erzählt, wie es ihr geht und dann beten wir füreinander. Hin und wieder trinken wir ein Kaffee über Mittag, einfach wer gerade mag. Am Abend nach dem Abendgebet gibt es oft ein spontanes Zusammensein mit einem Abendtee. Manchmal frühstücken wir gemeinsam am Wochenende.

Meine Berufung leben im Alltag - was heisst das für Dich?
Als Diakonisse in der Gemeinschaft und als Gemeinschaft unterwegs sein mit dem Wissen, dass wir von Gott geliebt sind. Wir dürfen in aller Unvollkommenheit diese Liebe im Alltag "leben".

 
Seit Pfingsten 04 ist Sr. Karin eingesegnet, trägt den weissen Schleier und arbeitet als verantwortliche Hausschwester für das Wohn- und Gästehaus und weiterhin für die Frauen des Begleiteten Wohnens.