«Meine Berufung leben im Alltag . . .»

 

Interview mit einer Novizin

 
 
Sr. Dorothee Weissert im Gespräch mit Sr. Karin Müller

 
Sr. Dorothee, sage uns doch zuerst etwas zu Dir.
Etwas zu mir? Nun, ich bin schon 28 Jahre alt, bin die jüngste Schwester in unserer Gemeinschaft und in der Augen meiner durchschnittlich 10 Jahre jüngeren Mitschüler "voll mega steinalt" - welch ein Spannungsfeld! Von meiner Herkunftsfamilie bin ich ebenfalls die Jüngste von 3 Geschwistern und bin mit viel Freude Tante von 3 Neffen und 2 Nichten. Vor meinem Eintritt besuchte ich bis zum 10. Schuljahr ein Musikgymnasium, danach folgten verschiedene Praktika im sozialen Bereich und schliesslich die Ausbildung zur Krankenschwester im Diakonissenkrankenhaus in Stuttgart. Als Teenager habe ich meinen Weg der Nachfolge Jesu begonnen und bin bis heute gerne mit ihm unterwegs.

Du bist schon 5 Jahre in der Gemeinschaft - was war alles in diesen Jahren?
Die letzten Jahre sind sehr schnell vorbeigegangen. Die ersten 3 Monate hatten wir jeden Nachmittag Unterricht und waren am Morgen im Praktikum in z. B. Wäscherei oder Hausdienst, was sehr gut zum Ankommen und Einleben war! Danach arbeitete ich für etwa eineinhalb Jahre im Pflegeheim bei unseren betagten Schwestern. Von vielen wertvollen Begegnungen könnte ich da erzählen. Mit mancher Schwester durfte ich Schönes, aber auch Schweres erleben. In dieser Zeit wurde mir auch ein langjähriger Wunsch erfüllt (an dessen Erfüllung ich nicht einmal mehr zu träumen gewagt hatte): Ich durfte Orgelstunden nehmen.
Im Sommer 2000 kam die Anfrage, ob ich für ein Jahr in unserem Ferienhaus Annaheim in Spiez im Haushalt mithelfen könne. Aus einem wurden etwas mehr als zwei Jahre am schönen Thunersee. Die Arbeit im Haus und zum Teil auch in der Küche machte mir Freude und brachte auch viele gute Begegnungen mit Mitschwestern und anderen Gästen. Eine Herausforderung war für mich, an zwei Tagen in der Woche die Andacht für Team und Gäste selbst zu gestalten. Die Mutterhausgemeinschaft hat mir in dieser Zeit schon manchmal gefehlt und ich war froh um eine Freundin in der Nähe.
Ja, nun bin ich bald zwei Jahre zurück in Riehen und mache noch eine zweite Ausbildung als Köchin in unserer Zentralküche, die nicht nur für unsere Häuser, sondern auch für das Gemeindespital Riehen und die Psychiatrische Klinik Sonnenhalde kocht. Da ich als Lehrtochter ein wenig mehr Ferien habe als normal, konnte ich letzten Sommer auch in unseren Kinderlagern mithelfen - mit viel Freude.

 
Was gefällt Dir besonders an Deiner Aufgabe in der Küche?
Sehr gerne bin ich am "Band" beim Schöpfen. Die Essenstabletts von Spitalpatienten und Mitschwestern im Feierabendhaus und Pflegeheim fahren an mir vorüber. Ich lese die Namen auf den Essenskarten und kann während des Schöpfens kurz für die jeweilige Person beten oder sie still segnen. Das macht mir Freude.

 
Sr. Dorothee, Du betest wohl gerne?
Sicher! Es müssen ja nicht immer viele Worte sein, aber die Liebesbeziehung zu Gott funktioniert ja nur, wenn man in Kontakt bleibt. Ja, Beten ist eigentlich ein Grundbedürfnis!

Was bedeutet Dir Lebens- Glaubens- und Dienstgemeinschaft?
Es gibt ein mittlerweile schon älteres Lied: "Warum gaht`s denn nöd als Solochrischt, warum cha`s allei nöd gah?" Freuden miteinander teilen, Lasten gemeinsam tragen, einander ermutigen dranzubleiben. Zusammen glauben, miteinander das Leben teilen, gemeinsam einen Auftrag tragen - das ist so wertvoll!

Leben in einer Schwesterngemeinschaft - ist das Dein Platz?
Mein Platz? Ja, früher habe ich mir immer eine grosse Familie gewünscht, am besten auf einem Bauernhof. Meine "Familie" ist nun viel grösser als gedacht und sicher habe ich auch nicht mit allen Mitschwestern das "Heu immer auf der gleichen Bühne", aber es braucht ja auch Konflikte zur persönlichen Weiterentwicklung und so schleifen wir uns gegenseitig. Ja, ich bin froh, hier sein zu dürfen!

Wie geht es Dir mit den Evangelischen Räten Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam?
Die Evangelischen Räte, wenn ich mich darauf einlasse (immer wieder neu, es ist ja ein immerwährender Prozess), erlebe ich eigentlich, wie ich dadurch an innerer Freiheit wachse, obwohl man mit diesen Begriffen äusserlich wohl eher Einschränkung verbinden würde.

 

Was tust Du gerne, wenn Du nicht arbeitest?
Ich mache gerne Musik mit Mitschwestern zusammen oder alleine, male und bastle mit Freude oder gönne mir auch mal eine Velotour oder einen schönen Spaziergang.

 
Was schätzt Du am Leben im Diakonissenhaus?
Gemeinsame Gebetszeiten, Tischgemeinschaft, aber auch die Rückzugsmöglichkeit in mein Zimmer. Meine Gaben einsetzen dürfen und mich an den Gaben meiner Mitschwestern freuen - wir ergänzen uns.

Meine Berufung leben im Alltag, was heisst das für Dich?
Zum Beispiel bei der Arbeit so zu beten wie oben schon beschrieben. Oder wenn für meine Kollegen und Mitschüler von meinem Glauben nicht viel Positives zu spüren ist heute, dann will ich es morgen wieder probieren, in meiner Unvollkommenheit Zeugnis zu sein für Jesus. Und übermorgen und immer wieder.

Sr. Dorothee, was ist Dir wichtig im Glauben?
Dranzubleiben, auch wenn es mehr Grubenbau als Höhenflug ist. Dass dieser grosse Gott mich kleinen Menschen so abgrundtief liebt, dass haut mich fast um - immer wieder neu!