«Meine Berufung leben im Alltag . . .»

 

Interview mit einer Novizin

 
 
Sr. Andrea Eberhardt im Interview mit 
Sr. Karin Müller

 
Sr. Andrea, sage uns doch zuerst etwas zu Deiner Person.
Ich bin 1974 geboren, in Zürich-Seebach aufgewachsen und habe Büroangestellte bei einer Versicherung gelernt. Am 31.10.1998 trat ich gemeinsam mit drei anderen Frauen in unsere Gemeinschaft ein und gehöre nach einem Jahr Postulat und zwei Jahren im Noviziat 1 nun zum Noviziat 2.

"Bete und arbeite" ist die alte Benediktinische Regel: Betest du gerne?
Für mich haben die drei Gebetszeiten eine besondere Bedeutung in unserem geregelten Tagesablauf. Dort werde ich wieder neu gestärkt und kann Gott alles hinlegen, was mich vielleicht gerade noch bewegt aus dem Alltag. So gewinnt Gott ganz Raum in mir und ich werde neu beschenkt. Es ist wertvoll, dass wir so gute Wortverkündigung haben. Diese Predigten und Andachten bereichern mich. Gemeinsam sind wir vor Gott und richten unsere Blicke zu ihm als unserem Zentrum hin.

Und wie steht es mit der Arbeit? Was tust Du?
Seit dem Sommer 03 bin ich in unserem Gästehaus "Annaheim" in Spiez tätig. Es gefällt mir so gut dort, weil ich in ganz verschiedenen Arbeitsbereichen mitwirken kann: Kochen, Reinigung von Zimmern und Allgemeinräumen, Gebetszeiten leiten, Andachten halten, Gästebegleitung und Tischservice. Es ist sehr vielseitig und jede Schwester hat ihren eigenen Arbeitsbereich. Ich schätze diese Verantwortung sehr. Wenn ich selber die Gebetszeiten leite, erkenne ich immer mehr Gottes Weite und Liebe.

Sr. Andrea, Du hast aber im Blick auf Deine Aufgabe in Spiez nicht immer so begeistert geklungen.
Es war für mich zu Beginn ein grosser Kampf, Ja zu sagen zu dieser Aufgabe. Aber durch das Loslassen vom Alten und das Einlassen auf Gottes Weg entdeckte ich auf einmal so viel Schönes, Neues und eine Ermutigung nach der anderen! Obwohl ich hier die einzige Novizin bin, fühle ich mich mit hineingenommen und erlebe echte geistliche Gemeinschaft. Ich kann so viel profitieren und es ist für meine ganze Persönlichkeit gut.

Wie erlebst Du denn geistliche Gemeinschaft?
Wir haben jeweils Dienstag Teamabend. Da lesen wir nach dem Abendgebet die fortlaufende Bibellese und tauschen darüber aus. Jeder Austausch ist ganz persönlich und wir überlegen uns, was der Bibeltext für unseren Alltag bedeuten könnte. Zum Schluss beten wir über das, was uns wichtig wurde und auch für die besonderen Anliegen der Woche im Mutterhaus. Wir sind so mit unseren Mitschwestern verbunden auch über Distanz.

Du tönst ganz begeistert von Spiez.
Ja, weil ich entdecke, dass mir Gott hier so viel Gutes schenkt. Ich kann ihm nur danken. Auch die herrliche Gegend mit dem See begeistert mich. 

Ich schwimme viel im See und mittags sitze ich mit einer Tasse Kaffee auf der Laube und habe herrlichen Blick auf die Bergwelt und auf den See! Ich fühle mich manchmal wie in den Ferien! Das beste, was mir passieren konnte! Gelobt sei der Herr!

 
Wie erlebst Du die Beziehungen?
Die Beziehungen zu meinen Mitschwestern sind mir sehr wichtig. Mit einigen habe ich engeren Kontakt und jeder Austausch ist für mich eine Bereicherung. Auch das Gebet füreinander bedeutet mir viel. Die eingesegneten Schwestern erlebe ich als Vorbild und sie helfen mir, tiefer in die Gemeinschaft hinein zu wachsen.

Das Leben in Beziehungen ist aber wohl nicht nur einfach, oder?
Nein! Das Leben in verschiedenen Generationen löst auch Konflikte aus. Sätze wie "Das war schon immer so" oder "Das hat man immer schon so gemacht" kommen bei mir nicht immer gut an. Da bin ich am Lernen, dass ich es nicht persönlich nehme und dazu manchmal gelassen sagen kann: "Ja, aber heute ist es anders!" Im gemeinsamen Leben entdeckt man sich selber mit allen Stärken und Schwächen und die Mitschwestern auch. Aber durch das gegenseitige sich aneinander Reiben wird man reifer.

Leben in einer Schwesterngemeinschaft - ist das Dein Platz?
In den fünf Jahren, in denen ich zur Gemeinschaft gehöre, habe ich viel erlebt: es gibt schöne Erfahrungen, aber auch schmerzliche. Doch beides gehört zum Leben und aus allen Erfahrungen kann man wieder Neues lernen. So hat eben auch eine Novizin ihre Höhen und Tiefen. Aber meine Berufung wird durch alles gestärkt und an dieser kann ich mich festhalten. Gott zeigt mir immer wieder, dass ich am richtigen Platz bin!