«Meine Berufung leben im Alltag . . .»

 

Berichte eingesegneter Schwestern

 
 
von Schwester Marianne Graf
  
Ja - wie umschreibe ich sie denn, meine Berufung? - vielleicht am besten mit dem biblischen Wort, das mir bei der Einsegnung zugesprochen worden ist:
«...nicht mehr sich selber leben, sondern DEM, der für sie gestorben und auferstanden ist»
gehört und wahrgenommen nicht als Befehl, sondern als Einladung, die zu wirklichem Leben befreit!

Schwester Marianne Graf (rechts) im Gespräch mit Schwester Elisabeth Heussler
 
 
 
 

Nach bald dreissig Jahren ist das Sehnen in mir immer noch lebendig, Christus den ersten Platz in meinem Leben einzuräumen. In meinem Alltag bietet sich ein riesiges Übungsfeld an. 
Schon am Morgen beim Erwachen übe ich mich darin, den ersten bewussten Gedanken Jesus Christus zu schenken, IHM zu danken, dass ER da ist. Später, wenn mein Zimmer in Ordnung gebracht ist, verbringe ich eine Zeit in der Gemeinschaft mit Jesus, im Hören auf Ihn und Reden mit Ihm, - eine Gelegenheit, Ihm meine Liebe zu bezeugen. Erst dann beginnt für mich der gemeinsamer Tag im Haus der Stille und Einkehr in Wildberg. Er ist strukturiert und getragen von den drei Gebetszeiten: Morgenfeier, Mittagslob und Abendgebet. Diese wiederum helfen mir, mich mit den Mitschwestern zusammen auf das Wesentliche auszurichten: auf Jesus Christus, Tag für Tag! IHN zu loben und zu preisen, mich und die Mitschwestern in Seinem Licht zu sehen, mir von IHM dienen zu lassen.

Die praktische Aufgabe des Gäste Beherbergens, ordnet sich um diese Gebetszeiten: Raum zu schaffen, damit Menschen zur äusseren und inneren Ruhe finden können, um sich von Gott neu aus- und zurüsten zu lassen. Dazu gehören die ganz gewöhnliche Reinigungsarbeiten, das Besorgen der Wäsche, das Pflegen von Pflanzen und Blumen. Mehr und mehr gelingt es mir, diese Aufgaben in stillem Gebet zu verrichten, sie als Gottesdienst, Ausdruck der Liebe zu Christus, wahr zu nehmen.

IHM, Christus zu leben, das versuche ich ebenfalls in der Begegnung und im Umgang mit den Gästen konkret werden zu lassen. In ihnen begegnet mir Christus. Das hat schon Benedikt in seiner Regel formuliert. (RB Kap. 53) Ein freundlicher Empfang, ein Lächeln im Vorübergehen, eine bereitwillige Auskunft, ein ungeteiltes Zuhören, ein gemeinsames Gebet für ein persönliches Anliegen sind Ausdruck der Liebe in und durch Christus.

Nicht mehr sich selber leben, sondern Christus, wird für mich immer wieder zur grössten Herausforderung im gemeinsamen Leben mit den Mitschwestern. Wir haben uns nicht selber ausgesucht, sind unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Prägungen und Erfahrungen ... Da geht es konkret nicht um Selbstverwirklichung, sondern um das sichtbar werden lassen von Christus und Seinem Handeln - gerade auch in unserem Miteinander. Dass wir einander nicht nur Gabe und Ermutigung sind, sondern aneinander auch schuldig werden, einander gegenseitig weh tun und verletzen, erstaunt wohl kaum. Dass ich jedoch bereit werde, immer neu Vergebung in Anspruch zu nehmen und zu vergeben ist Gottes Gnade, sein Geschenk. Diese Tatsache dringt besonders in der wöchentlichen Abendmahlsfeier immer tiefer in mein Bewusstsein und erfüllt mein Leben in der Gemeinschaft meiner Mitschwestern mit Freude!

 

Schwester Marianne Graf (links im Bild mit Schwester Evelyne Stocker) ist leitende Schwester in unserem
«Haus der Stille und Einkehr» in Wildberg und Mitglied der Hausleitung des Diakonissenhauses Riehen.