Evangelische Ordensgemeinschaften in der Schweiz
 
 

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Dürr, Thomas; Kellerhals, Doris; Vonaesch, Pierre (Hrsg): 

Zürich: 2003, TVZ.

ca. 140 Seiten, Paperback
ISBN 3-290-17267-8
ca. € 12.80 (D)/13.20 (A)/sFr. 19.80

Das Buch erscheint im September 2003 im Theologischen Verlag Zürich.

Homepage des Verlages:
http://www.tvz.ref.ch

 
 
Der folgende Artikel erschien im SEK-Bulletin 2/2003, Seite 12 bis 13.
 
Nachfolge, Gehorsam, Hingabe und Liebe
 
von Pierre Vonaesch 
 
Ordensleben – gibt es das im evangelischen Raum überhaupt? Ist das nicht eine typisch katholische Tradition? Während lange Zeit die Kirchgemeinden als einzige Orte protestantischen Lebens galten, wird heute anerkannt, dass es neben der Gemeinde auch andere ‹kirchliche Orte› gibt. Ein nun erscheinendes Buch zeigt einige dieser Orte – und bietet zum Teil überraschende Informationen.
Protestantische Kommunitäten – am ehesten denkt man da wohl an die Diakonissengemeinschaften, die man fast immer in Verbindung mit Spitälern und Krankenpflege bringt. Und in der Tat gab und gibt es, bedingt durch den Gründungsauftrag, eine ganze Reihe von Spitälern, in denen Diakonissen die Hauptlast der Krankenpflege tragen.

Die Frage, inwiefern Unterschiede etwa zu Nonnen bestehen und ob diese Unterschiede grundsätzlicher Natur sind, trat dabei in den Hintergrund. So ist fast unbekannt, dass es im evangelischen Raum nicht nur Gemeinschaften von Frauen, sondern auch solche von Männern gibt, und dass in neuester Zeit noch ganz andere Formen gemeinschaftlichen Lebens entstanden sind.

Eine kleine Herausgebergruppe hat sich daran gemacht, im Auftrag des SEK und im Sinne seines Bewusstseins «zu einer evangelischen Kirche zu gehören», ein illustriertes Buch zu veröffentlichen. Indem Evangelische Ordensgemeinschaften in der Schweiz – so der Titel – vorgestellt werden, soll ein wichtiger Aspekt der Vielgestaltigkeit des schweizerischen Protestantismus erstmals grössere Beachtung erfahren. Mit grundsätzlichen Überlegungen und mit konkreten Nachforschungen wollen die Herausgeber die Aufmerksamkeit auf die evangelischen Ordensgemeinschaften lenken, damit diese selbst, ihre Geschichte, aber auch die Beweggründe, in einer solchen Gemeinschaft zu leben, insbesondere im Raum der evangelischen Kirchen bewusster wahrgenommen werden.

Evangelische Räte
Wussten Sie zum Beispiel, dass alleine in der Schweiz 16 evangelische Gemeinschaften leben und wirken? Und wussten Sie, dass diese Gemeinschaften die klassischen ‹Evangelischen Räte› befolgen? Dreierlei verspricht,wer sich endgültig in die Gemeinschaft aufnehmen lässt: ein Leben der Ehelosigkeit, der materiellen Anspruchslosigkeit und des mündigen Gehorsams. Bei diesen Versprechen – ‹Evangelische Räte› genannt – handelt es sich um Ratschläge aus dem Evangelium. Sie betreffen die zentralsten Bereiche des Menschseins: die Beziehungsebene, die Sexualität; das Verhältnis zu den Dingen, zu Besitz und Geld; das Selbstbestimmungsrecht und den Umgang mit Macht. «Die Evangelischen Räte», weiss Schwester Karin Müller, «sind in jeder Generation, und heute besonders, brisant. Wer sie lebt, wird aber immer mehr erfahren, dass sie nicht nur Einengung sind, sondern den Menschen in immer grössere Freiheit führen.»

Diakonie: Nicht immer Krankenpflege
Wussten Sie, dass das mit Diakonissengemeinschaften gekoppelte Bild der Spitäler und der Krankenpflege an sich nicht das Eigentliche im Selbstverständnis der Gemeinschaften spiegelt? «Die Mitte einer Kommunität bildet keine noch so nützliche Aufgabe oder noch so tüchtige Person », sagt dazu Schwester Doris Kellerhals, Oberin der Schwesterngemeinschaft Diakonissenhaus Riehen. Zentral sei allein «der lebendig wirkende Gott, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Alle Glieder der Kommunität stehen in einem persönlichen Verhältnis zu ihm, biblisch ausgedrückt im Verhältnis der Nachfolge, des Gehorsams, der Hingabe, der Liebe.» So geschah es in jüngerer Zeit vermehrt, dass Diakonissengemeinschaften ihr Selbstverständnis neu definierten, sich von ihren Spitälern trennten und pionierhaft andere Aufgaben übernahmen.

Widerstand gegen den Unglauben
Wussten Sie, dass Orden oft auch als Gegenbewegungen zu einem nicht-christlichen Umfeld und darum insbesondere dann entstanden, wenn es schwieriger wurde, die Werte des Evangeliums im Rahmen der christlichen Gemeinde pointiert zu leben? «Orden suchten den Weg zurück zum Evangelium, zurück zur bruderschaftlichen Gemeinde der Apostelgeschichte», erklärt Doris Kellerhals. «Alle Erneuerungsbewegungen innerhalb des Ordenswesens – seien es zum Beispiel die benediktinischen oder franziskanischen – knüpften an den Grundsätzen des Wortes Gottes an. Sie begannen diese zeichenhaft und als lebendigen Aufruf für alle, in neuer Radikalität und Eindeutigkeit zu leben.» Gerade heute, in einer Zeit des ‹anything goes›, gewinnen Ordensgemeinschaften damit eine grosse Bedeutung: Dem fast beliebigen Individualismus setzen sie die Radikalität des Evangeliums entgegen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Kommunitäten geht es hier darum, das Evangelium Gestalt gewinnen zu lassen, es inmitten der Wirklichkeit zu leben. Für die reformierten Kirchen sind deshalb die Ordensgemeinschaften nach den Worten des Kirchenratspräsidenten Ruedi Reich, «ein unentbehrlicher Bezugspunkt». Immer gehe es in ihnen «um das Leben und die Tat», nie aber einfach um die «soziale Nützlichkeit» der Kirche: «Im verbindlichen Glauben und Leben ist für sie Kirche als Leib Christi präsent. In dieser Erfahrung sind Sammlung und Sendung
zwei Grundbewegungen, die sich gegenseitig bedingen. Die Sendung hinein in die Welt ist nur möglich durch die Sammlung um Christus und sein Wort; dieses wiederum sendet Christinnen und Christen in die Welt. In ihr darf die Kirche aber nicht aufgehen oder gar untergehen.» So gesehen seien Ordensgemeinschaften für ein volkskirchlich geprägtes Konzept christlicher Existenz unverzichtbar: «Zu Recht fordern evangelische Ordensgemeinschaften von den Kirchen darum Anerkennung und auch Freiraum für die eigene Gestaltung und das eigene Profil.»

Geschichte und Profil
Das Buch Evangelische Ordensgemeinschaften in der Schweiz umfasst neben dem Geleitwort der Herausgebenden, dem Vorwort des Ratspräsidenten Thomas Wipf, den knappen Einführungstexten sowie den Plädoyers der Mitglieder der Kirchen- und Synodalräte einen grossen Hauptteil, in dem sich die Gemeinschaften nach einem einheitlichen Schema mit Texten und Fotos selbst vorstellen. Ziel war es, die Entstehung, die Geschichte und das Profil der Gemeinschaften darzulegen und über ihre Mitgliederzahl und Verbreitung, über ihre Erreichbarkeit und die vielfältige Palette der Angebote zu informieren.